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Tai Chi – Gesundheitliche Wirkung
und wissenschaftliche Evidenz
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Entstehung und Wortbedeutung

Der gleiche Zeitraum von bis zu 3000 Jahren, in dem sich in China Philosophie und die Systeme von Gesundheitsübungen, Heilverfahren, Meditation und Kampfkünsten entwickelten, wird auch für die Entstehung des Tai Chi genannt.
Tai Chi in heutigem Sinne gibt es wahrscheinlich seit ca. 300 Jahren als Synthese bekannter Kampfkunst-Systeme (chuan, chin. Faust) und taoistischer Meditations- und Atemübungen (1) (2).

Die Wortbedeutung von Tai Chi leitet sich von der frühzeitlichen Vorstellung ab, „dass die Erde ein Viereck und der Himmel eine gewölbte Schale darüber sei. Damit der Himmel die Erde nicht erdrücke, wurde sie am Rand und in der Mitte von Balken gestützt. Der Balken in der Mitte hieß taichi – der große Balken (...). Wie dieser Balken sollte der Mensch sein: mit den Füßen auf der Erde und dem Kopf in den Wolken (...). Seine sagenhafte Reichweite erstreckte sich von tief in der Erde bis zum Himmel. Dort berührte er den nördlichen Polarstern“ (1).

Die schon lange vor unserer Zeitrechnung und durch Jahrhunderte hindurch praktizierten Übungen zur Gesunderhaltung, Meditation und Selbstverteidigung haben zu reichem Wissen über die Gesetzmäßigkeiten geführt, welche den Menschen und das Leben allgemein bestimmen. Kennzeichnend für diese Übungssysteme ist die ganzheitliche Sichtweise des Menschen als energetisches System mit komplexen Beziehungen zwischen Körper und Geist. In der englischsprachigen Literatur wird für ganzheitliche Übeverfahren deshalb der treffende Begriff der body mind intervention verwendet.

Authentische und traditionelle Tai Chi Stile

Es gibt vier sogenannte Familienstile des Tai Chi: Ch’en-, Yang-, Wu- und Sun-Stil, die die sogenannten inneren und äußeren Kampfstile unterschiedlich betonen. Diese vier authentischen Stile stehen in der Tradition spezielles Wissen nur innerhalb der Familie, und da in der Regel nur auf eigene oder angenommene Söhne, weiterzugeben (1).

Im Gegensatz dazu gilt das traditionelle Tai Chi, das Millionen von Chinesen morgens in den Parks als sogenanntes Schattenboxen üben, als „öffentliches TC“. Dies sind vereinfachte Formen, die allgemein zugänglich gemacht worden sind (1).

Meister Chu King-Hung verkörpert die authentische Linie des Tai Chi Chuan (TCC) und schuf eine internationale Dachorganisation für diesen Stil: die Internationale Tai Chi Association (ITCCA), in deren Tradition auch die Tai Chi Schule München mit Meisterschüler Richard Sämmer steht. Neben der langen Tai Chi Chuan Handform des Yangstils werden auch die Tai Chi Partnerformen (Tai Chi Schwert, Säbel, Push Hand, Hand Fightingform) gelehrt.

Tai Chi und Gesundheit | westliche Wissenschaft und Tai Chi

Tai Chi werden weitreichende Auswirkungen auf die körperliche und die geistig-seelische Gesundheit zugesprochen. In der westlichen Medizinforschung wecken diese Aussagen zunehmendes Interesse.
2010 beurteilten bereits 35 systematische und vergleichende Übersichtsarbeiten/Studienübersichten, also Arbeiten die jeweils eine Vielzahl von Einzelstudien beinhalten (engl. systematic review; metaanalyses) Tai Chi und seine Effekte auf verschiedenste Krankheitssymptome hin (3).

Die Frage ob Tai Chi zur Krankheitsprävention, Rehabilitation und gesundem Altern signifikant beiträgt bzw. als effektiv anerkannt ist, wird in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlich beantwortet. Dafür können verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht werden:

  • Ranking der wissenschaftlichen Studien

    Höhere wissenschaftliche Akzeptanz genießen gemeinhin randomisierte, kontrollierte Studien (engl. randomized controlled trial, RCT) bei der Beurteilung von therapeutischen oder prophylaktischen Ansätzen. Dies bedeutet, dass die Studienprobanden durch Los zufällig für eine von zwei homogenen Trainingsverfahren ausgewählt werden. Tai Chi wurde in diesen Interventionen einem anderen, gleichwertigen Training in gleicher Intensität und Dauer gegenübergestellt und beide Gruppen unterlagen zum gleichen Trainingszeitpunkt den selben Evaluationsparametern. Fallbeschreibungen (engl. Case studies) erfüllen diese Kriterien nicht und wurden im Folgenden deshalb nicht berücksichtigt.

  • Durchgeführte Tai Chi Intervention

    Die Tai Chi Interventionen in den vorhandenen RCTs bilden ein inhomogenes Konglomerat, da sie selten exakte Beschreibung der einzelnen Bewegungsfolgen enthalten und manchmal sogar auf Nennung der einzelnen Stile verzichten. Die unterschiedlichen Tai Chi Stile mit sehr unterschiedlicher Ausprägungen der körperlichen und/oder geistigen Anstrengung und Ausdauer machen eine allgemeingültige Aussage zu Wirkungen sehr schwierig. Eine zuverlässige Beschreibung der Formen und ihre übungsrelevante Kategorisierung sowie standardisierte Messkriterien sind also in Zukunft notwendig, wenn man von erfahrungsgestützten Wirksamkeiten zu wissenschaftlich fundierten Effekten kommen möchte (4) (5).

  • Analytisch messbare Ergebnisse bei komplexen Übeverfahren

    Bei der Interpretation der Studienergebnisse ist zu berücksichtigen, dass Tai Chi als komplexes Bewegungskonzept auch Effekte nach sich zieht, die durch die westlichen, analytisch- quantitativen Bewertungsmaßstäbe nicht immer abgebildet werden können (2). Darüber hinaus scheinen einige Wirkungen erst nach sehr langer Übepraxis sichtbar zu werden (6) . Eine nicht nachweisbare Wirkung beweist also nicht, das es keine Wirkung gibt, sondern nur, dass sie nicht gezeigt werden kann. Anders herum zeigen einzeln nachgewiesene Effekte noch keine sichere Evidenz sondern allenfalls eine Tendenz.

Körperliche Aktivität, Tai Chi und Gesundheit

Regelmäßige körperliche Ausdaueraktivität ist gesundheitsfördernd. Die Notwendigkeit einer aktiven, möglichst lebenslangen körperlichen Aktivität zur Vorbeugung von Krankheiten (Prophylaxe) wird im Osten wie im Westen unterstrichen. Die Herausforderung besteht darin körperliche Aktivitäten zu finden, die jahrzehntelang ausgeführt werden können und gleichzeitig soviel Motivation für den Übenden in sich tragen, dass sie auch ein Leben lang ausgeführt werden (7).

Empfohlen wird mindestens 30 Minuten, möglichst täglich, zumindest eine moderat intensive physische Aktivität auszuüben um beispielsweise das Erkrankungsrisiko an Herzkreislaufkrankheiten, Diabetes mellitus (Typ 2), Osteoporose, Depressionen, Brust und Dickdarmkrebs und Übergewicht zu mindern sowie das Sturzrisiko bei älteren Menschen zu senken (8). Muskuläres Krafttraining ist auf der anderen Seite das wirkungsvollste Mittel um dem altersabhängigen Muskelabbau und Kraftverlust entgegenzuwirken (4)(9). Auch Tai Chi kann als moderates Ausdauer- und Krafttraining gelten. Bezüglich des Energieverbrauchs soll Tai Chi beispielsweise dem Gehen in einer Geschwindigkeit von 6 km/h entsprechen (10).

Übungsintensität der Tai Chi Studien

Die Dauer der kontrollierten Studien zu Tai Chi liegen bei sechs, acht, zwölf bis 15 Wochen, in seltenen Fällen sogar bei 48 Wochen (11) und einer wöchentlichen Übeintensität von zwei bis viermal wöchentlich á 40 bis 90 min (12) (13).


Effekte randomisierter, kontrollierter Studien zu Tai Chi

Positive Evidenz liegt vor, dass Tai Chi

  • Gleichgewichtsleistungen und Balance fördert und als Sturzprävention gilt. Dies ist für den gesunden älteren Menschen und auch zum Teil für Patienten mit chronischen neurodegenerativen Krankheiten, wie z.B. bei Beginn einer Parkinsonerkrankung (idiopathisches Parkinsonsyndrom), belegt (14) (15) (3).

  • Psychische Gesundheit unter anderem in den Bereichen Stress, Schlaf, Angst, Aufmerksamkeit und Lebensqualität verbessert (16) (2) (17) (18).

  • Physische Fitness (Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit) älterer Menschen günstig beeinflusst (6) (3).

  • Chronische muskulo-skeletale Schmerzen und (19).

  • Rückenschmerzen günstig beeinflusst (13).

Nicht konsistent positive Studienaussagen liegen vor zur

  • Verbesserung der Ausdauerleistungen (engl. aerobic capacity). Bei einer Interventionszeit von 12 Wochen wurde im Vergleich mit einem Ausdauer- und Krafttraining keine Verbesserung gesehen.

  • Bei einer Interventionszeit von fünf Jahren dagegen zeigte sich eine positive Verminderung der altersabhängigen Leistungsreduzierung (20) (6).

  • Symptomatischen Verbesserung bzw. Prophylaxe von Herzkreislauferkrankungen (cardiovaskuläre Erkrankungen) (2) (18) (16).

  • Senkung von erhöhtem Blutdruck (21) (22) (16).


Fazit

Körperliche Bewegung hilft gesünder zu altern.

Tai Chi als body mind intervention trainiert nicht nur den Körper sondern auch mentale bzw. psychische Komponenten.

Wie bei allen Trainingsarten muss ein bestimmtes Maß an Intensität, Frequenz und Dauer erreicht werden um Wirkungen zu zeigen. Die individuelle Motivation für eine bestimmte Bewegungsart ist für kontinuierliches Üben entscheidend.

Empfohlen werden auch in der westlichen Literatur körperliche Aktivitäten, die jahrzehntelang ausgeübt werden können.

Die aus China überlieferte Gewissheit, dass das Praktizieren von Tai Chi die körperliche und mentale Leistungsfähigkeit zu erhalten hilft, wird auch durch wissenschaftliche Untersuchungen des Westens gestützt. Dies gilt für die Gesundheitsprophylaxe und die Rehabilitation einiger chronischer Krankheiten, eher nicht für entzündliche und akute Krankheitsgeschehen (23).

Körperliche und mentale Leistungsfähigkeit werden in den verschiedenen Tai Chi Stilen sehr unterschiedlich gefordert und gefördert. Eine genaue Beschreibung der einzelnen Intervention und des verwendeten Stils werden empfohlen, um in Zukunft weitere symptom- und effektspezifische Antworten zu erhalten.

Frauke Schroeteler
E-mail: info@itcca.de


Literaturangaben